Bau von Horten in Zürich: Ärger über weltfremde Planer

Den folgenden Text verfasste Urs Maurer, Präsident des Netzwerks Bildung & Architektur, als Leserbrief. Er reagiert damit auf den Artikel 'Die unsinnigen Vorschriften beim Bau von Zürcher Horten' im Tages-Anzeiger vom 22. November 2010.

Der Artikel von Daniel Schneebeli im Tagesanzeiger vom 22. November scheint viele Gemüter zu erregen. Am dargestellten Beispiel standen für einmal nicht die Begehrlichkeiten der direkt betroffenen Nutzer am Pranger, sondern die verschiedenen Ämter, welche nichts weiter verbrochen haben als dass sie ihre Pflicht erfüllt haben: Nämlich die Durchsetzung der Einhaltung der geltenden Vorschriften. Dass diese Vorschriften in ihrer Kombination nicht nur zu unverhältnismässig teuren Lösungen führen können, sondern auch noch „weltfremd“ an den eigentlichen Bedürfnissen vorbei zielen, ärgert am Ende wohl alle Beteiligten, weil niemand dies eigentlich so gewollt hat. Die vom Hochbauamt bezifferten Umbaukosten von total 240'000 Fr. sind volkswirtschaftlich gesehen wohl auch nur die halbe Wahrheit, weil bei einer Vollkostenrechnung auch die Löhne der Bewilligungsbehörden mit eingerechnet werden müssten.

Einzig für die ausführenden Architekten und Unternehmer geht die Rechnung auf, weil sie ja nicht damit Geld verdienen, dass sie unaufgefordert und damit unbezahlt mehrere strategische Lösungsmöglichkeiten durchdenken und durchrechnen um der Bauherrschaft am Ende die intelligenteste, die oft auch die günstigste ist, vorzuschlagen. Vor allem bei kleineren Umbauten, die auch Gebäudetechnik beinhalten, steht der Aufwand für die Planung und die Koordination zwischen den beteiligten Gewerken in einem schlechten Verhältnis zum Honorar, welches sich grundsätzlich proportional zu den Gesamtbaukosten berechnet. Beim öffentlichen Bau ist es wie im Gesundheitswesen. Alle die davon leben haben ein Interesse daran, dass das Bauen teurer wird, so dass das Gejammer über die steigenden Kosten nichts weiter als ein stets wiederkehrendes Ritual ist, welches zum politischen Geschäft gehört.
Architekten werden nicht deshalb zu gefeierten Stars, weil sie am Ende unter ihren eigenen Kostenschätzungen abrechnen, sondern weil sie in Fachzeitschriften international Aufmerksamkeit erregen, womit sie im Ranking steigen und dadurch zu weiteren Aufträgen gelangen. Das Schulhaus Leutschenbach ist nicht deshalb an der diesjährigen Architekturbiennale in Venedig als Beitrag zur Schweizer Architektur gezeigt worden, weil die Jury der Meinung war, dass das „Maximum an Transparenz“ den Bedürfnissen von Kindern und Jugendlichen entspräche, sondern weil seine Statik der aufgehängten Stahlbaukonstruktion grenzüberschreitend aufregend ist. Dass diese aufregende Statik zur Folge hat, dass an den statisch ausgereizten rohen Betondecken nichts aufgehängt werden darf, solange das Gebäude steht, interessiert an der Biennale nun wirklich niemanden.

Was können wir daraus lernen? Um beim Bau und Umbau von Schulen einfach und intelligente Lösungen zu finden, welche den elementaren Bedürfnissen der Pädagogik und der Betreuung entsprechen, müssen Behörden und Nutzer zunächst die Bedürfnisse klären und den Standard definieren. Auch die Nutzer müssen sich entscheiden, wo sie sparen und worauf sie verzichten wollen, weil es pädagogisch nicht wirklich von Bedeutung ist. Insbesondere bei Laienbehörden in Gemeinden und Kleinstädten kann damit viel Geld und Ärger gespart werden, wenn dazu befähigte Architekten und Unternehmer, die grundsätzlich nicht auch gleich den Auftrag zur Ausführung erhalten, gegen Bezahlung in diese Phase der strategischen Planung einbezogen werden. Das grösste Potenzial an Einsparungen liegt logischerweise und vielfach in der Praxis erwiesen bei der strategischen Planung. Ist es nicht paradox, dass ausgerechnet diese Phase der Planung beim öffentlichen Schulbau in keinem Kanton der Schweiz subventioniert wird?

Damit der Schulbau aus den negativen Schlagzeilen kommt, ist es sicher sinnvoll, wenn sich alle Akteure über ihre guten und schlechten Erfahrungen austauschen. Dazu will unser „Netzwerk Bildung und Architektur“ eine Plattform bilden. Konkret kann dies auf dem neuen Internetportal geschehen(www.netzwerk-bildung-architektur.ch). Mindestens so wichtig ist, dass sich involvierte Menschen an runden Tischen austauschen können, wie Ende Oktober in Winterthur zum Thema „Lebensraum Schule und feuerpolizeiliche Vorschriften, Zielkonflikte und Lösungsansätze“ oder im 30. März 2011 in Basel an der Fachtagung BAUSTELLE TAGESSTRUKTUREN an welcher die Teilnehmenden an gut 25 Basler Beispielen life erfahren, worin beim Bauen von Tagstrukturen die Herausforderungen und  Chancen bestehen.

Dr. Urs Maurer-Dietrich, Präsident des Netzwerks Bildung und Architektur