Naturnahe Kindergarten- und Schulhausumgebung

Warum brauchen Kinder naturnahe Gärten?

Alex Oberholzer und Lore Lässer

Spielen in und mit der Natur – Vorbereitung aufs Leben

Kinder eignen sich die Welt spielerisch an. Sie brauchen Raum, wo sie in der Natur ihre Umwelt be - greifen lernen. Wer einen Stein geschleppt hat, weiss, was ein Stein ist; wer mit Wasser, Sand und Erde spielt, erfährt, wie sich die Elemente anfühlen und was sich damit tun lässt. Spielen in naturnaher Umgebung ist auch Bewegung: Schaukeln, rennen, balancieren, klettern sind grundlegende Tätigkeiten, über die das Kind sich eine Vorstellung von Schwung, Fall, Gleichgewicht und Schwerkraft erwirbt. Im Eifer des Spiels gehen viele Kinder an ihre Grenzen und trainieren so spielerisch Ausdauer, Kraft, Belastbarkeit, Reaktion, Schnelligkeit, Flexibilität und auch ihren Mut. Im Spielen erproben die Kinder Kommunikation: Sie diskutieren, einigen sich, zum Beispiel wie das Wasser gestaut werden soll, verteilen Arbeiten. Wer drückt auf den Wasserspender? Wer holt Wasser? Sie lernen aber auch, aufeinander Rücksicht zu nehmen, und entwickeln Teamgeist - alles Fähigkeiten, die später im Berufsleben einen grossen Stellenwert haben.

Energie tanken auf dem Spielplatz – statt Kopfschmerzen vor dem Computer

Noch nie in der Geschichte hatten Kinder so viele Sachen zum Spielen, noch nie gab es so viele Einrichtungen, die sich um ihre Freizeit, ihre musischen und sportlichen Aktivitäten kümmern wie heute. Noch nie waren andererseits Kinder so arm an Möglichkeiten, draussen mit andern Kindern eigenständig, ohne Aufsicht von Erwachsenen zu spielen. Zudem sind Kinder heute einer unüberschaubaren Vielzahl von elektronischen Medien ausgesetzt (Fernsehen, Radio, Computer). Gameboy und Videospiele erfordern kaum Körperbewegung, jedoch maximale Konzentration und Aufmerksamkeit. Spannung und Reize erregen das Kind, und sein Körper schüttet Hormone aus, auch Adrenalin. Der gesamte Organismus stellt sich auf eine erhöhte körperliche Leistung ein. Wenn das Kind nun weiter starr vor dem Bildschirm sitzt, statt die Spannung beispielsweise rennend und hüpfend abzubauen, sind nervöse Störungen und Aggressionen die Folge.

Eine besondere Rolle spielen in dieser sinnenarmen Welt die Medien. Sie drohen zu Ersatzdrogen für vorenthaltene Primärerfahrungen zu werden, Drogen, die dazu verführen, gelebt zu werden, anstatt selber zu leben.

Renate Zimmer

Neurologen und Entwicklungspsychologen sind sich einig, dass Überreizung durch elektronische Medien, Bewegungsmangel und fehlende Spielmöglichkeiten in naturnaher Umgebung ein wichtiger Grund für körperliche und geistige Fehlentwicklungen sind. Die Zahl der Kinder mit POS (Psychoorganisches Syndrom) und ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätsstörung) sowie Krankheiten mit psychosomatischen Ursachen nehmen beängstigend zu: Kopfschmerzen, Nervosität, Konzentrationsmangel, Verhaltensauffälligkeit und körperliche Anfälligkeiten. Immer häufiger weisen Kinder bei Schuleintritt zudem Bewegungsdefizite auf, das heisst, sie bewegen sich tollpatschig, können oft die Bewegungen nicht richtig koordinieren und zum Beispiel kaum auf einem Bein hüpfen. Solche Kinder sind meistens auch in der geistigen Entwicklung zurück, haben Sprachprobleme, Mühe im Rechnen und leiden während der ganzen Schulzeit an Lernschwierigkeiten.

Die Hecke verwandelt den Garten in eine grüne Oase, spendet Schatten, gibt Geborgenheit und ist vielseitiger Spielraum. Kindergarten Tannenweg Solothurn.

Was sollen Schulhausumgebungen ermöglichen?

Sie sollen den Kindern ermöglichen, Pausen und Freizeit in vielfältiger Natur zu verbringen,

  • wo sie ihren Bewegungsdrang uneingeschränkt ausleben können: rennen, klettern, springen, rutschen… So lernen sie auch, die Bewegungen zu koordinieren und erwerben motorische Fähigkeiten, die sich positiv auf die kognitive Entwicklung auswirken;
  • wo sie die Jahreszeiten, das Wetter und deren Auswirkungen auf die Natur unmittelbar erleben und mit Leib und Seele erfahren;
  • wo sie oft in Gruppen spielen und lernen, einander zu respektieren.
  • wo die Natur auch Spielmaterial liefert, das die Fantasie der Kinder anregt und fördert;
  • wo sie Pflanzen kennen lernen, Tiere beobachten und so spielerisch eine Beziehung zur Natur aufbauen können.

Um sich aktiv mit ihrer Umwelt auseinandersetzen zu können, benötigen Kinder ein intaktes Bewegungs- und Wahrnehmungssystem. Dieses kann sich aber nur dann heranbilden, wenn es im alltäglichen Leben gefordert wird. Der Verlust an unmittelbaren körperlich-sinnlichen Erfahrungen, der Mangel an Möglichkeiten, sich über den Körper aktiv die Umwelt anzueignen, führt daher unweigerlich zu einer Beeinträchtigung kindlicher Entwicklung.

Renate Zimmer

Welche Elemente erfüllen diese Forderungen?

Die meisten Bewegungsspiele können wir durch Elemente wie Hügel, Erdwall mit oder ohne Strauchgang, Hecke, Sand- und Kiesanlage ermöglichen, die zugleich Biotope sind. Lediglich zum Schaukeln braucht es eine Schaukel und zum Klettern ein Seil an einem Baum oder eine Seilspielanlage, wenn die Gehölze noch zu klein oder bei Bäumen die unteren Äste abgeschnitten worden sind. Auf weitere Spielgeräte verzichten wir aus folgenden Gründen:

Höltershinken und Mitarbeiter, 1971, beobachteten Kinder auf konventionellen Spielplätzen um herauszufinden, wie diese von Kindern angenommen und benutzt werden. Die Untersuchung zeigt folgendes:

  • Spielgeräte bieten keinen Sichtschutz; allein sein ist unmöglich;
  • die Spielabläufe dauern nur kurze Zeit.
  • Spielgeräte engen das Spiel ein und manipulieren es; die Spiele sind einseitig, nur Bewegungsspiele;
  • Spielgeräte fördern weder Eigeninitiative, noch kreative Kräfte;
  • kreatives Spiel, das heisst graben, bauen mit verschiedenem Material ist nur im Sandkasten möglich und auch dort nur beschränkt, weil es an herumliegendem Material mangelt, weil Schatten fehlt und weil Erwachsene ständig beobachten;
  • Spielgeräte bieten kaum Gelegenheit für Umwelterfahrung;
  • Spielgeräte regen nur zu einem individualistischen Spiel an, Gemeinschaftsspiele sind selten;
  • Spielgeräte regen nicht zum Rollenspiel an.

Welche Elemente gehören in eine naturnahe Anlage?

Das wichtigste Element ist eine Hecke aus einheimischen Gehölzen, die zum Verstecken, Klettern, Schaukeln, Hüttenbauen, zu Rollenspielen und geheimen Besprechungen auffordert, Naturerlebnisse ermöglicht und erst noch Vögeln, Schmetterlingen, Raupen und anderem Getier Lebensraum bietet. Sie spendet auch Schatten, bietet Sichtschutz und eignet sich, Räume zu formen. Im Herbst lassen wir das Laub unter den Sträuchern liegen. Kinder vergnügen sich liebend gern damit: Laubnest bauen, hören wie es raschelt, mit den Blättern Karten spielen und vieles mehr. Igel und Co. sind ebenfalls dankbar dafür und verschlafen den Tag oder Winter darin. Aus einheimischen Sträuchern lassen sich auch problemlos Strauchhäuser und -gänge ‚bauen’, die wiederum sowohl Spieleinrichtungen als auch Biotope sind.

Soll eine Hartfläche aus Asphalt oder anderem Material vielseitiger bespielbar gemacht werden, eignen sich verschieden grosse Steinblöcke, die entweder zu einem Kletterberg aufeinander getürmt oder einfach aneinander gereiht werden. Kinder und Jugendliche nutzen sie nach ihren Bedürfnissen: Hinaufklettern, Sprünge von einem Block zum andern, Balancieren oder schlicht darauf sitzen und sich ausruhen.

Grosse Wandkiesflächen, die bei jedem Wetter bespielt werden können, ermöglichen, kreativ mit Steinen verschiedenster Grössen, Formen und Farben umzugehen, zu lochen und graben. In einer Sandanlage in einer Mulde, wenn möglich verbunden mit einer Wasserspielanlage, erproben zukünftige Baumeister ihr Können: Staumauern und Seen entstehen, werden zerstört und wieder neu gebaut.

Bewegliches Material wie Äste, Holzprügel und Bretter, darf ebenfalls nicht fehlen. Aus Ästen entstehen Hütten, Astsofas, Asttrampolin. Holzprügel dienen als Hocker, wird ein Brett darüber gelegt, werden sie zur Schaukel. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Hügel verbunden mit Erdwällen locken, darüber zu rennen, zu spazieren oder zu biken, von oben hinunter zu blicken, hinunter zu springen oder zu rutschen. Gleichzeitig teilen sie das Gelände in verschiedene Räume ein, gestalten es. Dort, wo Wälle und Hügel nicht begangen werden, wachsen Gras, Kräuter und je nach Untergrund sogar Blumen.

Ein Weiher – der Minizoo in der Anlage -  ist d a s Freilandlabor für junge Forscher. Auch ohne Amphibien ist er ein spannender Lebensraum, weil dort in jeder Jahreszeit wirbellose Tiere gefischt und beobachtet werden können.  

Warum einheimische Pflanzen?

In den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts ist in der Schweiz die Naturgartenidee entwickelt worden als Antwort auf die um sich greifende Zerstörung der Lebensgrundlagen von Tieren und Pflanzen. Wenn mehr und mehr Privatgärten und öffentliche Anlagen naturnah gestaltet und gepflegt werden, bilden sie ein dichtes Netz verschiedener Biotope, und der Artenreichtum an Pflanzen und Tieren nimmt insgesamt deutlich zu.

CHECKLISTE: Anforderungen an die Schulhausumgebung

  • unterrichtsfreundlich: Hat es Nischen mit Sitzgelegenheiten umgeben von Sträuchern, die Gruppenarbeit und Klassenunterricht im Freien ermöglichen?

  • lernfreundlich: Hat es einen Freiwerkraum? Hat es Lernorte für Biologie wie Hecken, Weiher, Magerstandorte, Nutzgarten?

  • einladend: Hat es verschieden grosse Räume, die Versteckspiel, Rollenspiel, Gruppenbildung und so Sozialisierung ermöglichen?

  • ökologisch: Sind die Aussenräume naturnah gestaltet, d.h. mit einheimischen Gehölzen und Kräutern? Wird die Anlage sanft gepflegt?

  • spielfreundlich (kinderfreundlich): Hat es Sand, Kies, Wasser, Äste mit denen Kinder kreativ spielen dürfen? Lockt die Anlage mit Erdwall, Hügel, Mulden und Steinblöcken zu vielfältiger Bewegung? Darf die Anlage auch in der Freizeit benutzt werden?

  • ästhetisch: Strotzt die Anlage vor Grün, so dass sich Kinder und Erwachsene im Paradiesgarten wähnen?

Literatur

Höltershinken, D.A. u.a.: Fallstudien öffentlicher Kinderspielplätze. Zeitschrift für pädagogische Jugendkunde und Psychologie der Erziehung 18, 1971, 200-215.

Oberholzer, Alex; Lässer, Lore: Ein Garten für Tiere. Erlebnisraum Naturgarten. Verlag Eugen Ulmer, 1997, vergriffen.

Oberholzer, Alex; Lässer, Lore: Gärten für Kinder. Verlag Eugen Ulmer, 2003.

Zimmer, Renate: Kinder brauchen Spielraum. Motorik, Schorndorf 16, 1993, Heft 1, 2 – 6.

Zimmer, Renate: Bewegte Kindheit. Kongressbericht. Verlag Karl Hofmann, Schorndorf 1997.

www.oberholzerlaesser.ch