Qualitätsevaluation bei Bildungsbauten

On Evaluation of Quality in Educational Spaces

- eine Aufgabe im Netzwerk Bildung & Architektur

Lutz Oertel

Die Absicht, Bildung und Architektur zu verbinden, so dass dies der Schulraumgestaltung zugute kommt, zielt auf die Qualität des Bauens, die sich wiederum in derjenigen der Schulbildung niederschlagen soll. Hinter dieser Absicht steht die Vermutung, Raum könne Lernen fördern oder behindern, also zwischen der baulichen Raumgestaltung und der schulischen Bildung bestehe ein produktiver Zusammenhang.

Über diese produktive Seite wissen wir einiges (wie z.B. Urs Maurers Zusammenstellung „Pädagogische Anforderungen an den Volksschulbau“ zeigt). Freilich ist vieles normativ aufgeladen, idealistisch eingefärbt, meist in der Hinsicht, wie wir uns kindliche Lernumgebungen wünschen. Es gibt dafür entsprechende Ansätze beim Neu- und Umbau, bei Instandsetzung und Modernisierung, in der Gestaltung des Aussenraumes. Und leicht kommen wir ins Schwärmen, über die Schule als Lebensraum, licht, luftig, leise, mit stimmungsvollen Farben, komponierten Materialien, eingebettet ins Grüne. Wir sehen heute diesen Raum als Lernort, an dem unterschiedliche Unterrichtsformen stattfinden können, Zusammenarbeit der Lernenden und der Lehrpersonen erleichtert wird, Führungsaufgaben und Lehrerarbeit ihren Platz haben. Soll heute jedoch die Zukunft nicht verstellt werden, braucht es Baustrukturen, die von der nächsten Generation anders genutzt werden können, als zuvor geschildert.

Aber was wissen wir z.B. darüber, ob ein Schulhaus wirklich funktioniert? Und warum? Wir können zwar kein Schulhaus befragen, jedoch den Bau, auch den progressiven, bei dem Bildung und Architektur zusammenfliessen, überprüfen. Dieses Evaluieren ist die reflektierende Seite. Hier wird gefragt: Welches Leben in welchen Räumen? Welche Lernformen an welchem Ort? Wie hoch sind die Kosten? In welchem Verhältnis stehen sie zum Gewinn an Qualität? Es sind Fragen, die im Netzwerk B&A der Praxisforschung zugedacht werden. Sie führen zur Evaluation des Gebauten, schulisch und architektonisch. Evaluationen von Schulgebäuden würden es wissenschaftsgestützt ermöglichen, die vom Netzwerk B&A gewünschten Beispiele guter Praxis vorzustellen.

Schulraumevaluation durch CELE

Soll ein Türchen zur Praxisforschung aufgestossen werden, lässt sich auf Vorarbeiten und ein breites Know how des CELE (Centre for Effective Learning Environment) zurückgreifen, das von der OECD getragen wird. Auf internationaler und wissenschaftlicher Grundlage wurde dort ein Programm entwickelt, das auf die Überprüfung von Lernumgebungen bzw. von Bildungsräumlichkeiten ausgerichtet ist. Eine erste Pilotstudie in Sekundarschulen verschiedener Länder läuft bereits.

Ziel des Programms und Ablauf

Evaluiert werden soll die Fähigkeit des gebauten Raumes, die Wirksamkeit des Lernens zu verbessern. Dafür wird die bereits erwähnte Qualität von Bildungsräumlichkeiten (deren Bau, Renovationen …) hinsichtlich Raumprogramm, Farbgebung etc. erfasst, aber auch der Kontext (Rahmenbedingungen), der die „Schularbeit“ (performance) beeinflusst. Zur Wirksamkeit gehören unterschiedliche Lernprogramme bzw. Interaktionen in heterogenen Lerngruppierungen, die Kontrolle der Lernumgebung, Ermutigung usw., demnach die „Lernort“-Aspekte.

CELE (OECD) leitet das Programm bzw. sorgt für die Pilotstudie und plant weitere Evaluationsstudien. Die Evaluationen werden national koordiniert und in einzelnen Schulen durchgeführt. Nationale Koordinatoren werden ins Programm eingeführt; sie veranlassen die Durchführung in den Schulen (Bereitstellung der Evaluationsinstrumente), schreiben einen Bericht, analysieren Ergebnisse (Analyse) und geben den Schulen ein Feedback.

Evaluationsinstrumente

Für die Umsetzung der Ziele und im Ablauf sind die Instrumente entscheidend (Operationalisierung). Die laufende Pilotstudie dient auch dazu, diese zu prüfen.

Rating der Qualitätsansprüche

Qualität beruht auf einer Übereinkunft. Die OECD hat 22 Qualitätszielen zugestimmt, unter ihnen bauseits die Offenheit der Schule gegenüber der Gemeinde, die Zugänglichkeit für Schüler/innen, die Raumgrössen (entsprechend nationaler Schulbaurichtlinien), Licht, Akustik … Schulseits werden u. a. das Schulprogramm, der Schulbetrieb, schulpolitische Vorgaben u. a. Qualitätsmerkmale einbezogen. Die sich darin ausdrückende Schulqualität ist schon seit Jahren Gegenstand von Evaluationen (internen und externen), anders als die bisher wenig evaluierte Beziehung zum Raum.

Dieses Rating, das Schulleitende mit den nationalen Koordinatoren durchführen, ergibt eine Richtschnur, mit der die Ergebnisse nachfolgender Erhebungen bewertet werden (siehe Analyse).

Erhebung Hintergrund

Demographische Daten, die Finanzierung, Baukonstruktion und Unterhalt (facility analysis), Nachhaltigkeit sind wesentliche Daten, um die erwähnte Fähigkeit der Schule für effizientes Lernen einordnen zu können.

Nutzer-Erhebung (stakeholder research tool)

Ein Fragebogen richtet sich an Schüler/innen und Schulpersonal (staff). Die Zugänglichkeit (nur Schüler/innen), die Lernräume, der Komfort, das Erscheinungsbild, Sicherheit und Unterhalt u.v.a.m. werden abgefragt. Nach Auswertung der Befragungen werden in Fokusgruppen nicht adressatenspezifische Themen besprochen, insbesondere konfliktreiche, bei denen z.B. unterschiedliche Sichtweisen zwischen Schulpersonal und Schüler/innen bestehen.

Analyse

Die dem CELE-Zielen verpflichtete Analyse geht von einem Qualitätsrahmen (Qualitätskonzept) aus, in dem sich Schulpolitik und Schulraum verbinden lassen. Politisch wird die Wirksamkeit des Lehrens und Lernens eingefordert und für die Analyse des Raums folgendermassen operationalisiert:

Das Raumangebot

  • unterstützt unterschiedliche Lern- und Lehrformen  (Schulprogramme), Interaktionen in heterogenen Gruppen, eine Kontrolle der Lernumgebung und
  • ermutigt Schüler/innen/Studenten soziokulturelle und physikalische Werkzeuge (z.B. Computer interaktiv und lernwirksam) einzusetzen.

Der Zweck des Raumes und seine Eignung bilden das Qualitätskriterium: Flexible Lernräume sind geeignet für ein Spektrum der Programme und Methoden des Unterrichts; sie sind altersentsprechend und von ausreichender Grösse, was den Schüler/innen und Lehrpersonen erlaubt,  selbst und mit anderen zu arbeiten, umherzugehen …

Anwendungsbeispiel

Ausgehend von dem skizzierten Qualitätskonzept lässt sich an folgender Frage arbeiten: What school-related factors are effecting the ability of the school to meet its performance objectives? For example, in the case of a recently remodelled school with new information technology spaces and new classrooms with separate activities areas, staff have experienced difficulties adapting teaching and existing knowledge to maximise use of the new spaces.

Die schulbezogenen Faktoren (school-related factors) werden mit dem Qualitätsrating der Schulleitenden erhoben und im Kontext der Schule ausgemacht. Dabei können allenfalls schon Schwierigkeiten (difficulties) erkennbar werden. Deutlicher müssten diese Schwierigkeiten bei der Befragung zu Tage treten(z.B. ungenügende Nutzung von Computerräumen). In den Gesprächen der Fokusgruppen werden Schwierigkeiten vertieft angesprochen und Lösungsvorschläge erarbeitet. Eine mögliche Lösung zur wirksameren Nutzung des Computers beim Lernen können individuelle Computerarbeitsplätze in unmittelbarer Reichweite der Lernenden sein.

Von der Schulprogrammevaluation zur Schulraumevaluation

Wie schon erwähnt wird zwar regelmässig Schulqualität evaluiert; der Einbezug des Schulraumes steht erst am Anfang. In der Verknüpfung der beiden Evaluationsfelder, Schulprogramm und Schulraum, liegt der Gewinn des Konzepts, das im CELE zur Anwendung kommt und das durch das Netzwerk B&A auch in der Schweiz Fuss fassen könnte. Evaluation als Ausgangspunkt eines Prozesses, der in neuen Lösungen mündet.

Gesucht sind Schulen und Behördenvertreter, die mehr über den Zusammenhang von Raum und Lernen, von Bildung und Architektur, im eigenen „Bildungsraum“ erfahren und zukunftsgerichtet Schule gestalten möchten.

Kontakt

Netzwerk Bildung &Architektur

Bildungsstudien, Lutz Oertel, Dr.rer.soc.

l.oertel(at)bluewin(dot)ch